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2025
Ziemlich ungeplant fand ich, in alten Dokumenten meiner Großeltern, zwei analoge Fotografien. Beim Betrachten der Fotografien sah ich nicht nur das Gesicht meines Urgroßvaters, sondern auch die Schatten einer Generation, die zwischen Verdrängung und Erinnerung schwankt.
Diese Bilder erzählen keine klare Geschichte, da ich nicht weis Wer und vor allem, mit welcher Intention sie bemalt wurden. Aber sie zeigen ein gesellschaftliches Gefüge, in dem das Unvorstellbare zum Alltag gehörte.
Immer wieder stellte sich mir bei der Auseinandersetzung mit diesen Fotografien die Frage nach der Bedeutung des blauen Kugelschreibers. War das Übermalen eine spontane Geste? Ein Ausdruck von Scham, Ohnmacht oder Unsicherheit? Oder vielleicht ein vorsichtiger Versuch, Kontrolle über die eigene Erzählung zurückzugewinnen, über eine Vergangenheit, die nie ganz die eigene war.
Die Farben dieser Vergangenheit waren und sind noch heute ziemlich laut: Rot, Weiß, Schwarz; aufgeladen mit Symbolik und Machtanspruch. Dagegen wirkt das Blau des Kugelschreibers auf mich fast trotzig. Es verweigert sich der Ästhetik des Nationalsozialismus. Es sticht heraus, ohne laut zu sein. Und vielleicht ist gerade darin eine Form von Widerstand zu erkennen.
Das Fotobuch beginnt mit stark abstrahierten Bildausschnitten, die sich im Verlauf zunehmend verdichten und an Klarheit gewinnen. Es entfaltet sich wie ein visuelles Puzzle, dessen Fragmente sich annähern, ohne sich ganz zusammenzufügen. Durch die digitale Vergrößerung werden die ursprünglichen Fotografien teils verfremdet; Details lösen sich auf und verschwimmen in der Körnung und den Pixelstrukturen. So entsteht eine Bildsprache, die zwischen Sichtbarkeit und Auflösung schwebt und die Brüchigkeit von Erinnerung visuell erfahrbar macht.
Ich frage mich oft und insbesondere nach der intensiven Beschäftigung mit dieser Publikation: Was hätte ich meine Großeltern über ihre Vergangenheit gefragt, wenn sie noch leben würden? Hätten sie überhaupt geantwortet? Was hätten sie erzählt? Und was hätten sie ausgelassen? Was bedeutet es, Teil einer Nachkriegsgeneration zu sein, deren Identität immer auch von einem Erbe geprägt ist, das sie selbst nicht gewählt hat? Welche Verantwortung trägt diese Generation, welche trage ich und meine Generation heute?
Die künstlerische Arbeit mit den Fotografien war und ist für mich mehr als eine Rückschau. Es ist eine Annäherung an meine Familie, an Fragen, die unbeantwortet bleiben, und an die Art, wie wir erinnern. Zugleich ist es eine Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur einer Gesellschaft, deren Vergangenheit nie ganz vergangen ist.
Ich habe dabei verstanden, wie eng das Persönliche mit dem Politischen verbunden ist und wie fragil die Grenze zwischen alltäglichem Leben und ideologischer Vereinnahmung sein kann.
Hardcover
30x30 cm
Auflage 1
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